Wenn es nur einmal so ganz still wäre

Wenn es nur einmal so ganz still wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen - :

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.

Rainer Maria Rilke


Paradise and Hell

A man and his dog were walking along a road. The man was enjoying the scenery, when it suddenly occurred to him that he was dead. He remembered dying, and that the dog had been died for years. He wondered where the road was leading them. After a while they came to a high, white stone-wall along one side of the road. It looked like fine marble. At the top of a long hill it was broken by a tall arch that glowed in the sunlight. When he was standing before it he saw a magnificent gate in the arch that looked like mother of pearl, and the street that led to the gate looked like pure gold.

He and the dog walked towards the gate, and as he got closer he saw a man at a desk to one side. When he was close enough he called out: "Excuse me, where are we?"

"This is heaven, Sir" the man answered.

"Wow! Would you happen to have some water?" the man asked.

"Of course, Sir. Come right in and I'll have some ice water brought right up."

The man gestured, and the gate began to open.

"Can my dog come in, too?" the traveler asked.

"I'm sorry, Sir, but we don't accept pets."

The man thought a moment and then turned back toward the road and continued the way he had been going. After another long walk, and at the top of another long hill, he came to a dirt road which led through a farm gate that looked as if it had never been closed. There was no fence. As he approached the gate he saw a man inside, leaning against a tree and reading a book.

"Excuse me" he called to the reader, "Do you have any water?"

"Yeah, sure, there's a pump over there." The man pointed to a place that couldn't be seen from outside the gate. "Come on in."

"How about my friend here?" the traveler gestured to the dog.

"There should be a bowl by the pump."

They went through the gate and, sure enough, there was an old fashioned hand pump with a bowl beside it. The traveler filled the bowl and took a long drink himself. Then he gave some water to the dog. When they were full, he and the dog walked back toward the man, who was standing by then, waiting for them.

"What do you call this place?" the traveler asked.

"This is heaven," was the answer.

"Well, that's confusing, " the traveler said. "The man down the road said that was heaven too."

"Oh, you mean the place with the golden street and pearly gates? Nope. That's hell."

"Doesn't it make you mad for them to use your name like that?"

"No, I can see how you might think so, but we're just happy that they screen out the folks who'll leave their dogs behind."


Der große Wurf

Hin und wieder verzichtet meine Frau auf jegliche weibliche Diplomatie und wird ohne Umschweife direkt, so auch damals, kurz bevor ich mir am Kaffee die Lippe verbrühte:

"Ich möchte wieder ein Tier haben", sagte die stolze Besitzerin dreier Schildkröten, einer Gelbstirnamazone, einer weißen Maus und eines pflegebedürftigen Igels.

Durch die Suche nach einer brandlindernden Salbe gelang es mir, etwas Zeit zu gewinnen, ich wusste jedoch, dass ich den drohenden Schaden nur noch begrenzen, nicht aber vermeiden konnte.

Und die Unentbehrliche ließ nicht locker: "Ich will eine Katze, am besten aus dem Tierheim, die Farbe ist mir egal." "Einen Moment", protestierte ich und erinnerte sie an das einzige Verbot, das ich je verhängt hatte, nämlich das Verbot, ein Tierheim zu besuchen. Nur einmal hatte sie sich dem Verbot widersetzt und war mit reicher Beute heimgekehrt: drei Deutsche Doggen, vier kleine Terrier-Mischlinge und 25 süße, niedliche Kuschelkätzchen. Es dauerte ein halbes Jahr, bis wir die Tiere in der weitläufig begeisterten Verwandtschaft verteilt hatten, es war die größte Bewährungsprobe unserer Ehe seit ihrem vorletzten Tierheimbesuch.

Instinktiv nahm ich meine gewohnte Position ein: "Nein, nein und nochmals nein", sagte ich streng und hoffte, dass sich auf diese Art mit zwei Katzen davonkommen würde. Und tatsächlich, das weitere Gespräch verlief wie abgesprochen.

"Eigentlich brauchen wir zwei Kätzchen", sinnierte sie, "wir sind ja schließlich auch zu zweit." In dieser Phase der Diskussion griff ich auf eine bewährte rethorische Taktik zurück und signalisierte Bereitschaft - allerdings unter erschwerten Bedingungen.

"Also gut", seufzte ich laut, um ihr zu demonstrieren, wie schwer mir das Opfer fiel. "Ich bin mit zwei Katzen einverstanden. Aber meine muss ganz schwarz sein und weiße Tennissocken tragen."

"Prima", frohlockte die Unentbehrliche, "da habe ich genau das Richtige für Dich. Lunas Katze hat nämlich vor kurzem geworfen, lass uns am besten gleich hinfahren."

"Jetzt ist es aber genug", schrie ich auf, als meine Frau wie aus dem Nichts in Straßenkleidung dastand.

"Komm schon!" ermahnte sie mich trocken, "Luna erwartet uns in 10 Minuten."

Schnell rechnete ich durch: Luna wohnte gerade um die Ecke, die Fahrt dorthin, sozusagen ein Katzensprung, würde also höchstens zwei Minuten in Anspruch nehmen; demnach hatte die Unentbehrliche von vornherein acht Minuten für meinen Protest einkalkuliert. Diesen Erfolg durfte ich ihr nicht gönnen: Ich ging widerstandlos mit.

In Lunas Badezimmer begrüßte uns ein vierfaches, klägliches Miauen. Wie auf Eiern laufend, tapste uns ein Quartett wuscheliger Angorabällchen entgegen, zwei bunte, eine graue und eine undefinierbare, die wie die Farbpalette eines abstrakten Malers aussah. Aber keine schwarze, und schon gar keine mit weißen Söckchen. Doch dann geschah etwas Überraschendes.

Zielstrebig und unter Ausrufung infantilster Kosenamen ging meine Frau auf die Kätzchen zu, legte, guttural gurrend, drei der Tiere in einen Korb, nahm diesen auf und wandte sich zu mir: "Wir können gehen!"

Augenblicklich erkannte ich die einmalige Chance, mit nur drei Katzen nach Hause zu kommen. Schnell griff ich meiner Frau unter den Arm, um sie einerseits hinauszubegleiten, andererseits um sofort einen Würgegriff anbringen zu können, falls sie sich doch noch nach der vierten Katze bücken sollte. Mein Triumph ließ mich sogar vergessen, dass meine Farbwünsche rücksichtslos übergangen worden waren.

Den Abend verbrachten wir gemeinsam meist unter dem Sofa, das sich die Neuankömmlinge als erstes Versteck auserkoren hatten und das sie auch unter größtem Einsatz lockender Wollknäuel und aufregender Stricknadeln nicht verlassen mochten. Jeden schmerzhaften und lebensgefährlichen Versuch meinerseits, die Tierchen hervorzuholen, quittierte meine Frau mit Aussprüchen wie "Sind sie nicht süß?" oder "Sind sie nicht süß?" oder auch "Sind sie nicht süß?" - ihr Einfallsreichtum kannte angesichts des überwältigenden Erlebnisses keine Grenzen. Erst als uns das Hansaplast ausging, begaben wir uns glücklich und zufrieden zu Bett.

"Weißt Du", flüsterte ich der Unentbehrlichen schlaftrunken zu. "Ich bin stolz auf Dich, dass Du der vierten Katze widerstanden hast."

"Danke", säuselte sie mir ins Ohr und strich dabei zärtlich über meine Wundverbände. "Aber die vierte hole ich morgen ab. Die Katzenmutter soll sich doch langsam daran gewöhnen können, dass ihre Kinder nicht mehr da sind. Eine Katze kann das doch gar nicht begreifen, verstehst Du?"

Ich verstand sehr wohl und drückte unter Schmerzen ihre Hand. "Ich liebe Dich", sagte ich leise und freute mich auf die vierte. Irgendwo würde sich an diesem Tier doch ein kleines schwarzes Fellstück finden lassen. Und die Füßchen konnte man zur Not auch in Mehl tauchen, oder nicht?

Gregory Heath


Der Mensch hat nicht das Recht

Der Mensch hat nicht das Recht,
über die Tiere zu urteilen.
Sie stammen aus einer anderen Welt,
die älter und vollständiger war als unsere jetzt,
ihre Erscheinung ist besser und vollständiger,
sie haben Eigenschaften,
die wir verloren oder nie erreicht haben...
Sie sind keine Untertanen:
sie gehören einer anderen Nation an
und sind nur durch Zufall mit uns zugleich
ins Netz der Zeit gefallen, die wir Glanz
und Plage zugleich für die Erde sind.

Henry Beston


Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf. - Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke


"Der Retter der Tiere"

Ich betrachtete all die in Käfigen sitzenden Tiere im Tierheim ...
... die Wegwerf-Produkte der menschlichen Gesellschaft.
Ich sah in ihren Augen Liebe und Hoffnung,

Angst und Schrecken, Trauer und Verrat.
Und ich war voller Zorn.
"Gott," sagte ich, "das ist schrecklich! Warum tust Du nicht etwas?"
Gott war einen Moment lang still, und dann sprach er sanft.
"Ich habe etwas getan," antwortete er.
"Ich habe Dich geschaffen."

(Jim Willis 1999)


Der Tod bedeutet nichts

Der Tod bedeutet nichts. Er zählt nicht. Ich bin nur nach nebenan gegangen. Nichts ist geschehen. Alles bleibt genau, wie es war. Ich bin ich, und Ihr seid Ihr, und das alte Leben, das wir in so herzlicher Gemeinsamkeit geführt haben, ist davon unberührt und bleibt unverändert. Wir sind füreinander nach wie vor, was wir immer waren. Nennt mich mit dem alten vertrauten Namen. Sprecht von mir ebenso unbeschwert wie sonst auch. Ändert Euren Ton nicht. Tragt keine feierliche oder traurige Miene zur Schau. Lacht, wie wir immer über die kleinen Späße gelacht haben, über die wir uns gemeinsam gefreut haben. Spielt, lächelt, denkt an mich, betet für mich. Laßt Euch meinen Namen stets so vertraut sein, wie er Euch früher war. Er soll leichthin ausgesprochen werden, ohne die kleinste Spur eines Schattens darauf. Alles geht weiter, wie es war, ohne Unterbrechung. Was ist denn dieser Tod anderes als ein kaum wahrnehmbarer Zwischenfall? Warum sollte ich Euch aus dem Gedächtnis schwinden, weil ich Euch nicht mehr sichtbar bin? Ich warte nur auf Euch, irgendwo ganz in der Nähe, gleich um die Ecke, für eine kleine Weile. Alles steht zum besten.


Die Hummel

wiegt 4,8 Gramm.

Sie hat eine

Flügelfläche

von 1,45 qcm

bei einem Flächenwinkel von 6°.

Nach dem Gesetz

der Aerodynamik

kann die Hummel nicht fliegen.

Aber die Hummel

weiß das nicht.


Ein kleiner alter Rüde...

Einer nach dem Anderen geht an meinem Käfig vorbei.
Zu alt, zu verbraucht, zu abgenutzt, auf keinen Fall.
Hat die Zeit hinter sich, taugt nicht mehr für Lauf und Spiel mit dem Ball.
Dann schütteln sie langsam den Kopf und gehen vorbei.

Ein kleiner alter Rüde, krank von Arthrose und Schmerz.
Es scheint, für mich gibt es keinen mehr mit Herz.
Ich hatte mal ein Zuhause und auch ein Bett.
Einen Platz warm und Futter - so nett.

Nun wird mein Fang grau und mein Augenlicht schwach.
Wer möchte einen Hund, so alt und schwach.
Meine Familie entschied, ich sollte weg.
Ich war im Weg und meine Haltung, kein Zweck.

Ganz gleich welcher Grund in den Sinn ihnen kam.
Es war nicht Recht, dass man mein Leben mir nahm.
Nun sitz ich im Käfig. Tagaus und tagein
finden jüngere Hunde ein neues Daheim.

Als ich, fast am Ende, schon den Glauben verlor,
sahst Du mein Gesicht und Hoffnung kam empor.
Du sahst durch das Grau und die vom Alter gebeugten Beine
und sagtest mir, dass jenseits des Käfigs die Sonne noch scheine.

Du nahmst mich nach Hause, gabst mir Futter und einen Platz zum leben,
teiltest dein Kissen mit meinem armen müden Kopf daneben.
Wir schmusen und spielen und Du sprichst lieb mit mir.
Du liebst mich so innig und zeigst es auch hier.

Auch wenn ich viele Stunden mit andren verbracht habe,
so ist deine Liebe zu mir eine besondere Gabe.
Ich verspreche die Liebe zurück zu geben,
während meines gesamten restlichen Leben.

Wir werden Wochen oder Jahre miteinander überstehen.
Wir teilen ein Lächeln und ich werde dich weinen sehen.
Und wenn der Abschied kommt für mich und dich,
weiß ich, dass Du weinst und dein Herz trauert um mich.

Wenn ich dann die Brücke erreiche, ganz frisch
Sind meine Gedanken bei dir an deinem Tisch.
Und ich werde prahlen vor allen und jedem
von der Person, die meine letzten Tage erfüllte - mein Leben.

(Anonym)


Hundelend

Der Betrug

„Man hat mich gesehen und kaufte mich prompt,
denn ich bin ein Hund, der vom Züchter kommt.
Und wird es nicht allenthalben empfohlen,
man soll gute Hunde beim Züchter holen?
Und alle Erwartungen trafen ein:
Ich bin hübsch, lieb und kann auch folgsam sein."

„Mich hat man am Strand draußen aufgelesen,
da bin ich seit Monaten schon gewesen.
Man hat mich getreten, es gab nichts zu fressen,
dann stieß man mich weg und hat mich vergessen.
Bin alt nun und krank, mein Herz tut mir weh.
Hab nur gelernt, dass ich gar nichts versteh'."

„Ich wurde in einer Tonne geboren,
meine Finder gaben mich schon verloren.
Mein rechtes Ohr hängt, das Linke blieb stehen,
und auf einem Auge kann ich nicht sehen.
Ich liebe die Menschen und weiß nicht warum.
Sie finden mich hässlich, mickrig und dumm."

„Ihr seht, ich bin hübsch und mein Fell ist glatt.
Man pflegte mich gut in der großen Stadt.
Sie haben mich sogar angezogen,
operiert und die Ohren hochgebogen.
Dann wurde ich an einen Baum gebunden,
dort hat mich nach Tagen jemand gefunden."

„Und Du? Wer bist Du? Hast noch nicht gesprochen.
hast bis jetzt nur mit der Nase am Gitter gerochen.
Wenn sie kommen, um einen auszusuchen,
verschmähst Du all ihre Hundekuchen.
Siehst niemanden an und willst Dich nicht binden.
Möchtest Du keine neue Familie finden?"

Eine Pause tritt ein. Niemand sagt ein Wort.
Der Blick des Gefragten driftet weit fort.
Sein Kopf ist erhoben, die Schultern gestrafft,
der Körper ist mager und doch voller Kraft.
Dann dreht er sich um, sein Schwanz fächelt leicht
den Wind, der von Norden herüberstreicht.