Stephen D., zweiundzwanzig Jahre alt, Medizinstudent, Drogenkonsument (Kokain, Psychostimulantien, hauptsächlich Amphetamine), hatte eines Nachts einen lebhaften Traum: Er war ein Hund in einer Welt voller unvorstellbar starker und bedeutsamer Gerüche. („Der glückliche Geruch von Wasser… der tapfere Geruch eines Steins.“) beim Aufwachen stellte er fest, dass sein Traum Wirklichkeit geworden war. „Als ob ich bis dahin total farbenblind gewesen wäre und mich plötzlich in einer Welt voller Farben wiederfinde.“ Tatsächlich war auch seine Farbwahrnehmung stärker ausgeprägt als zuvor. („Ich konnte Dutzende von Brauntönen unterscheiden, wo ich vorher nur Braun gesehen hatte. Meine ledergebundenen Bücher, die früher alle gleich ausgesehen hatten, hatten plötzlich ganz verschiedene Schattierungen.“) Auch sein eidetisches Wahrnehmungsvermögen und Gedächtnis hatten sich drastisch verbessert. („Ich konnte vorher nie zeichnen, ich konnte keine geistigen Bilder ‚sehen’, aber jetzt war es, als hätte ich ein Zeichenprisma im Kopf: Ich ‚sah’ alles, als sei es auf das Papier projiziert, und brauchte nur noch die Linien nachzuzeichnen, die ich ‚sah’. Plötzlich konnte ich exakte anatomische Zeichnungen anfertigen.“) Am tiefgreifendsten jedoch veränderte die Verstärkung des Geruchsempfindens seine Welt: „Ich hatte geträumt, ich sei ein Hund – es war ein olfaktorischer Traum -, und als ich erwachte, war ich in einer Welt unendlich vieler Gerüche, einer Welt, in der alle anderen Wahrnehmungen, auch wenn sie verstärkt waren, vor der Intensität der Gerüche verblassten.“ Und all dies ging einher mit einer bebenden, lebhaften Emotion und einer seltsamen Sehnsucht nach einer verlorengegangenen Welt, die halb vergessen, halb erhalten geblieben war.* (* In gewisser Hinsicht ähnliche Zustände – eine seltsame Emotionalität, die manchmal in Form nostalgischer Sehnsüchte, „Reminiszenzen“ und déjà vu-Erlebnissen auftritt und intensive olfaktorische Halluzinationen begleitet – sind charakteristisch für „Partialanfälle“, eine Art von Schläfenlappen-Epilepsie, die erstmals vor etwa hundert Jahren von Hughlings Jackson beschrieben wurde. Gewöhnlich ist das Erlebnis recht spezifisch, aber gelegentlich kommt es zu einer allgemeinen Intensivierung der Geruchswahrnehmung, einer Hyperosmie. Der Uncus, der phylogenetisch zum alten „Riechhirn“ (oder Rhinencephalon) gehört, ist funktional mit dem ganzen limbischen System verbunden, dessen Bedeutung für die Bestimmung und Steuerung der gesamten emotionalen Grundeinstellung in der heutigen Forschung immer deutlicher zu Tage tritt. Eine wie auch immer geartete Reizung des limbischen Systems führt zu gesteigerter Emotionalität und zu einer Intensivierung der Sinneswahrnehmungen. Dieses Thema, mit all seinen faszinierenden Implikationen, hat David Bear (1979) detailliert erforscht.)

„Ich ging in eine Parfümerie“, fuhr er fort. „Ich habe Gerüche noch nie gut auseinander halten können, aber jetzt erkannte ich sie alle sofort, und ich fand jeden einzigartig – jeder erinnerte mich an etwas, jeder war eine Welt für sich.“ Er stellte auch fest, dass er all seine Freunde und Patienten am Geruch identifizieren konnte: „Ich ging in die Klinik, schnupperte wie ein Hund und erkannte alle zwanzig Patienten, die dort waren, bevor ich sie sehen konnte. Jeder von ihnen hatte seine eigene olfaktorische Physiognomie, ein Duft-Gesicht, das weit plastischer und einprägsamer, weit assoziationsreicher war als sein wirkliches Gesicht.“ Er konnte ihre Gefühle – Angst, Zufriedenheit, sexuelle Erregung – wie ein Hund riechen. Er konnte jede Straße, jedes Geschäft am Geruch erkennen und sich unfehlbar in New York zurechtfinden, indem er sich an Gerüchen orientierte.

Ein impulsives Verlangen trieb ihn, alles zu beschnuppern und zu betasten („Nichts war wirklich vorhanden, bevor ich es nicht gerochen und befühlt hatte“), doch unterdrückte er dieses Verlangen in Gegenwart anderer, um nicht unangenehm aufzufallen. Sexuelle Gerüche waren erregend und intensiver – allerdings nicht mehr, so fand er, als andere, zum Beispiel Essensgerüche. Der Genuss von Düften war verstärkt – ebenso wie das Mussfallen über bestimmte Gerüche -, aber es hatte sich ihm weniger eine neue Welt von Genuss und Missfallen eröffnet als vielmehr eine neue Ästhetik, ein neues Urteilskriterium, eine neue Bedeutsamkeit, die ihn von allen Seiten umgab. „Es war eine Welt, die aus ungeheuer konkreten Einzelheiten bestand“, sagte er, „eine Welt, deren Unmittelbarkeit, deren unmittelbare Bedeutsamkeit überwältigend war.“. Vorher war er eher intellektuell orientiert gewesen und hatte zu Reflexion und Abstraktion geneigt. Jetzt dagegen stellte er fest, dass Nachdenken, Abstrahieren und Kategorisieren angesichts der übermächtigen Unmittelbarkeit einer jeden Erfahrung für ihn ziemlich unwirklich und schwierig geworden war.

Dieser Zustand fand nach drei Wochen ein recht plötzliches Ende – seine Geruchswahrnehmung, all seine Sinneswahrnehmungen wurden wieder normal. Mit einer Mischung aus Bedauern und Erleichterung fand er sich wieder in seiner alten, blassen Welt der beschränkten Sinneserfahrung, der Nicht-Konkretheit und Abstraktion. „Ich bin froh, wieder zurück zu sein“, sagte er, „aber für mich ist es auch ein sehr großer Verlust. Ich sehe jetzt, was wir dadurch, dass wir zivilisierte Menschen sind, aufgegeben haben. Wir brauchen auch das andere, das ‚Primitive’.“

Seitdem sind sechzehn Jahre vergangen, und seine Studienzeit, die Zeit, in der er Aufputschmittel nahm, liegt lange zurück. Zustände, die auch nur entfernt mit denen von damals vergleichbar wären, sind nicht mehr aufgetreten. Mein Freund und Kollege Dr. D. ist ein überaus erfolgreicher Internist in New York. Er bedauert nichts, aber gelegentlich überkommt ihn eine Sehnsucht nach jener Zeit: „Diese Welt der Gerüche und Atmosphären“, seufzt er. „Sie war so lebendig, so real! Es war wie ein Besuch in einer anderen Welt, einer Welt der reinen Wahrnehmung – einer reichen, bunten, prallvollen Welt. Wenn ich doch nur ab und zu zurückgehen und wieder ein Hund sein könnte!“

Freud hat an mehren Stellen darauf hingewiesen, dass der Geruchssinn des Menschen im Verlauf seiner Entwicklung und Zivilisierung in Folge des aufrechten Ganges und der Unterdrückung einer primitiven, prägenitalen Sexualität geschwächt worden und auf der Strecke geblieben sei. Tatsächlich ist belegt, dass spezifische (und pathologische) Verstärkungen des Geruchsvermögens bei Paraphilie, Fetischismus und verwandten Perversionen und Regressionen auftreten.* (* Dies wird von A. A. Brill (1932) gut geschildert, der diesen Phänomenen die große Reichhaltigkeit der Geruchswelt von makrosmatischen Tieren (z. B. Hunden), „Primitiven“ und Kindern gegenüberstellt.) Aber die hier vorliegende Enthemmung scheint weit allgemeinerer Natur zu sein, und obwohl sie mit Erregung verbunden war – wahrscheinlich handelte es sich um eine durch Amphetamine hervorgerufene dopaminerge Erregung -, war sie weder spezifisch sexueller Art, noch ging sie mit sexueller Regression einher. Zu ähnlichen, zuweilen anfallsweise auftretenden Hyperosmien kann es bei hyper-dopaminergen Erregungszuständen kommen, so zum Beispiel bei manchen postenzephalitischen Patienten, die mit L-Dopa behandelt werden, und gelegentlich bei Patienten, die am Touretteschen Syndrom leiden.

Aus all dem ersehen wir zumindest das Allumfassende der Hemmung, die selbst auf der elementarsten Wahrnehmungsebene wirksam wird; wir sehen das Bedürfnis, das im Zaum zu halten, was für Head mit Ton-Gefühl erfüllt und ursprünglich war und was er als „protopathisch“ bezeichnete. Erst diese Unterdrückung ermöglichte den Auftritt des differenzierten, kategorisierenden, affektlosen „Epikkritikers“.

Weder kann das Bedürfnis nach einer solchen Hemmung auf das Freudianische reduziert werden, noch sollte der Abbau dieser Hemmung verklärt und romantisiert werden, wie Blake es getan hat. Vielleicht brauchen wir sie, wie Head andeutet, damit wir Menschen und nicht Hunde sind* (* Siehe Jonathan Millers Kritik von Heads Thesen: „The Dog Beneath the Skin“, in Listener (1970). Und doch erinnert uns Stephen D.s Erfahrung, wie G. K. Chestertons Gedicht „The Song of Quoodle“, daran, dass wir manchmal nicht Menschen, sondern Hunde sein müssen:

„Sie haben keine Nasen,
die gefallenen Söhne von Eva…
Ach, für den glücklichen Geruch von Wasser,
den tapferen Geruch eines Steins!“

Nachschrift

Ich bin kürzlich auf eine Art Pendant zu diesem Fall gestoßen: Ein Mann erlitt eine Kopfverletzung, die seine olfaktorischen Nervenstränge schwer in Mitleidenschaft zog (diese sind wegen ihrer Länge und ihrer Position in der vorderen Schädelgrube nicht sehr gut geschützt). Durch die Verletzung verlor dieser Mann jeglichen Geruchssinn.

Er war überrascht und unglücklich darüber. „Geruchssinn? Ich habe nie einen Gedanken daran verschwendet. Normalerweise denkt man ja auch nicht daran. Aber als ich nichts mehr riechen konnte, war es, als wäre ich plötzlich erblindet. Das Leben hat für mich viel von seinem Reiz verloren – man macht sich ja gar nicht bewusst, wie viel vom Geruch abhängt. Man riecht Menschen, man riecht Bücher, man riecht die Stadt, man riecht den Frühling – vielleicht nicht bewusst, aber der Geruch bildet einen breiten unbewussten Hintergrund für alles andere. Meine Welt war mit einem Schlag viel ärmer geworden…“

Er hatte ein starkes Gefühl des Verlustes, eine große Sehnsucht, eine regelrechte Osmalgie – das Verlangen, sich an eine Geruchswelt zu erinnern, der er vorher keine bewusste Aufmerksamkeit geschenkt hatte und von der er nun glaubte, sie habe gewissermaßen den Grundrhythmus seines Lebens gebildet. Und dann, einige Monate später, begann er zu seiner Freude und Verwunderung in seinem geliebten Morgenkaffee, der seit seiner Verletzung „fade“ geschmeckt hatte, wieder ein Aroma wahrzunehmen. Zögernd stopfte er seine Pfeife, die er monatelang nicht angerührt hatte, und auch hier entdeckte er eine Spur des vollen Aromas, das er so liebte.

Sehr erregt – die Neurologen hatten ihm gesagt, es gebe keine Hoffnung auf Besserung – suchte er seinen Arzt auf, der ihm jedoch nach eingehender Untersuchung mitteilte: „Tut mir Leid – es deutet nichts auf eine Wiederherstellung hin. Sie leiden immer noch an totaler Anosmie. Merkwürdig, dass Sie Ihre Pfeife und Ihren Kaffee ‚riechen’ können…“

Hier scheint sich (und es ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung, dass nur das olfaktorische Nervensystem verletzt war, nicht aber die Hirnrinde) eine verstärkte olfaktorische Imagination ausgebildet zu haben – fast könnte man von einer kontrollierten Halluzinose sprechen. Dadurch ist dieser Mann, wenn er seinen Kaffee trinkt oder seine Pfeife raucht – in Situationen also, die normalerweise mit Geruchsassoziationen besetzt sind -, in der Lage, diese Assoziationen unbewusst zu erwecken oder wiederzuerwecken, und zwar mit solcher Intensität, dass er zunächst glaubte, er könne wirklich wieder riechen.

Diese zum Teil bewusste, zum Teil unbewusste Fähigkeit hat zugenommen und sich auf andere Bereiche ausgedehnt. Inzwischen kann er zum Beispiel den Frühling „riechen“. Jedenfalls vermag er eine so intensive Geruchserinnerung oder ein Geruchsbild heraufzubeschwören, dass er fast in der Lage ist, sich selbst und andere glauben zu machen, er könne tatsächlich Frühlingsdüfte wahrnehmen.

Es ist bekannt, dass solche Kompensationen bei Blinden oder Tauben häufig vorkommen – denken wir nur an Beethoven und seine Taubheit. Ich weiß allerdings nicht, wie oft solche Verlagerungen bei Anosmie auftreten.

Quellenangabe: „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ (Taschenbuch)
von Oliver Sacks (Autor), Dirk van Gunsteren (Übersetzer)